Das, worin du schlecht bist

“Sie dich mal an. Wie dünn du bist. Du bist untergewichtig. Du musst Sport machen.”, “Aber ich mache doch Sport, ich gehe mehrmals die Woche laufen, auch über 10 Kilometer…”, “Mach das, worin du schlecht bist, nicht was du schon kannst. Laufen macht nur Knie- und Rückenschmerzen. Du musst pumpen. Eisen. Geh ins Fitness-Studio.”

Dieser Dialog mit meinem (ehemaligen?) Arzt vor ein paar Wochen hat mich hart getroffen. Wie ein Schlag in den Magen. Laufen war und ist meine Leidenschaft. Laufen hilft mir einen klaren Kopf zu bekommen. Ich bin sogar stolz auf’s Laufen.

Wieso sollte ich mit dem Laufen aufhören?

  1. Ich bin nicht untergewichtig, mein BMI ist im grünen Bereich. Außerdem, wie will er das wissen ohne mich vorher zu wiegen?
  2. Laufen macht nur Schmerzen, wenn man es falsch macht, wenn man etwa nicht auf seinen Körper hört. Das habe ich bereits am eigenen Leib erfahren müssen, hab aber daraus gelernt und bin mittlerweile wieder komplett schmerzfrei.
  3. Das mit dem Fitness-Studio habe ich auch schonmal probiert und alles was es gebracht hat, war dass ich den Probemonat nicht verlängert habe. Es ist einfach nichts für mich alle zwei Tage in einen stickigen Raum ohne Fenster auf irgendwelchen Geräten rumzuturnen, das ist so langweilig.

Nachdem er mir diese Worte an den Kopf geknallt hat, zumal ich wegen einer völlig anderen Sache beim Arzt war und eigentlich gehofft hatte, er könnte mir diesbezüglich weiterhelfen, war mein Selbstbewusstsein zerstört. Noch nie hatte jemand mir mit so wenigen Sätzen die Freude an einer meiner größten Leidenschaften genommen. Zuhause habe ich geheult. Und das obwohl ich eigentlich nie heule (auch wenn man das manchmal eigentlich sollte).


Klar, dass ich ein Lauch bin, damit hat er recht und das wollte ich auch nie bestreiten. Aber die Aussage, dass ich nicht das machen sollte / dürfte, was mir soviel im Leben gibt, ist schon eine andere Sache. Heißt das, ich soll mein Informatik-Studium abbrechen und Kunst studieren, obwohl Softwareentwicklung so etwas wie eine Berufung für mich ist?

Ich werde doch nicht plötzlich in einer Sache, in der ich vorher schlecht war, besser, als in einer Sache, in der ich auch vorher schon gut war und mich durch Training noch weiter verbessern kann? Ich könnte noch so viele Kunstwerke analysieren, Bilder versuchen zu malen und ich werde trotzdem kein besserer Künstler sein, als jemand, dessen Berufung Kunst ist.


Als Kompromiss habe ich mich letztendlich entschieden, einen Mittelweg zu gehen. Eine grundlegende Basis an Körpermuskulatur (keine Body-Builder-Figur) dürfte auch für die Körperhaltung und somit meine gesundheitliche Zukunft, sowie mein Auftreten nicht schlecht sein. Ich werde nicht pumpen, aber ich habe mit Körpergewichtstraining per App zuhause angefangen. Das hat mehrere Vorteile:

  1. Ich kann es zuhause machen, muss also nicht erst jedes Mal in ein Fitness-Studio fahren, was die mentale Hürde zu beginnen deutlich senkt.
  2. Da ich es zuhause mache, brauche ich nicht drauf achten, wie ich aussehe oder wie es aussieht wenn ich die Übungen mache. Niemand sieht mich, niemand kann mich doof anschauen, niemand kann mich auslachen.
  3. Das Premium-Abonnement, das ich für eine App abgeschlossen habe, ist weitaus günstiger als eine Mitgliedschaft in der Mucki-Bude. Und für Studenten (und Minimalisten) zählt bekanntlich jeder Euro.
  4. Dadurch, dass es Übungen nur mit dem Körpergewicht sind, schätze ich die Gefahr, etwas falsch zu machen und dadurch Schäden und Schmerzen hervorzurufen, geringer ein, als es bei schlecht bewachtem Geräte-Training.

Dennoch werde ich weiterhin laufen. Genauso wie ich weiterhin Informatik studieren und Software entwickeln werde. Ehrlich gesagt bin ich lieber ein Lauch, bin aber gut im Laufen und hab viel Freude daran, anstatt ein paar wenige Muskeln zu haben (viel mehr wird es auch durch hartes Training bestimmt nicht werden) und mich immer ins Fitness-Studio schleppen zu müssen. Laufen gehört einfach zu meinem Leben und auch ein Arzt wird daran nichts ändern können.