Telegram ist keine Terror-App

Ich nutze Telegram! Bin ich ein Terrorist?

Terror ist leider keine Seltenheit mehr. Der jüngste Anschlag in Berlin mit 12 Toten und unzähligen Verletzten hat wieder aufs Neue gezeigt, dass es jeden immer und überall treffen kann.

Bei den Ermittlungen, die zum Zeitpunkt des Verfassens noch nicht abgeschlossen sind — der mutmaßliche Täter wurde jüngst in Mailand erschossen, kam heraus, dass dieser mindestens einmal über den Instant-Messenger Telegram Kontakt mit der Terror-Miliz IS hatte.

Nun stellt sich die Frage, warum gerade Telegram? Ich meine, warum haben die nicht einfach WhatsApp, Facebook oder Skype verwendet? Es werben doch alle mit Verschlüsselung und so.

Aber neben der technischen Verschlüsselung kommt eben auch noch sowas wie Überwachung, Nicht-Verschlüsselung der Meta-Daten und Zensur hinzu. Es mag schön und gut sein, wenn WhatsApp die Nachrichten an sich verschlüsselt, aber eben Meta-Daten, also wer wen und wann kontaktiert, unverschlüsselt übertragen werden, oder zumindest auf den Servern gespeichert werden.

Aber auch wenn ebenfalls Meta-Daten verschlüsselt übertragen werden, wer garantiert mir, dass WhatsApp auf den Servern nicht selber einen Schlüssel zum entschlüsseln der Nachrichten gespeichert hat? Genau: Niemand! Und irgendwelchen Aussagen von WhatsApp kann man sowieso nicht vertrauen. Versprach Facebook / WhatsApp 2014 bei der Übernahme noch, dass keine Nutzerdaten ausgetauscht werden, muss sich heute offenbar nicht mehr an die Versprechen von früher gehalten werden. Wer hält sich schon an Versprechen?

Aber zurück zu Telegram und der Frage, warum dieser Dienst gerade bei Islamisten so beliebt ist. Ich stelle hier nur eine Vermutung auf, aber ich glaube, es liegt an der Unternehmensstruktur und die somit beschränkte Gewalt, die eine Regierung nutzen kann um an Nutzerdaten zu kommen.

Facebook, WhatsApp und Co. haben alle einen festen Unternehmenssitz, sie sind in den Ländern, in denen dieser ist, beziehungsweise in denen sie die Server betreiben rechtlich verantwortlich. Eigentlich gilt das ja auch für Telegram, nur das hinter dem Messenger zig verschiedene Briefkasten-Firmen, die rund um den Globus verteilt sind, stehen. Auch der Gründer und der, der eigentlich alles bezahlt (nach meinen Erkenntnissen generiert Telegram 0$ Umsatz) hat anscheinend auch keinen festen Wohnsitz. Nur über Instagram erfährt man manchmal, wo sich Pavel Durov gerade aufzuhalten scheint.

Das unglaubliche Leben von Pavel Durov, des „russischen Mark Zuckerbergs”

Das hat gute Gründe, denn bereits mit dem Projekt, welches ihn reich gemacht hat, eckte er in seinem Heimatland Russland mit der Regierung an, da Demonstrationen und Aktionen über sein soziales Netzwerk VKontakte organisiert wurden.

Aber auch abgesehen von der etwas anderen Unternehmensstruktur ist es — für den Nicht-Terroristen — lohnenswert Telegram zu benutzen. Außer Sprach- und neuerdings auch Video-Telefonie hat beziehungsweise hatte Telegram viele Funktionen deutlich bevor WhatsApp sie ebenfalls bekam. Der Verdacht, dass WhatsApp kopiert liegt hier natürlich nahe…

Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit Bots zu erstellen, Kanäle zu eröffnen (ähnlich der Broadcast-Funktion bei WhatsApp, bloß dass jeder nach öffentlichen Kanälen suchen kann), oder Gruppen mit bis zu 5000 Mitgliedern zu gründen. Auch ist es möglich, einen einzigen Account auf unendlich vielen Geräten zu benutzen, ohne sich erst wie bei WhatsApp Web mit dem Handy anmelden zu müssen.

Telegram ist einfach eine super App, in die sehr viel Energie und Herzblut gesteckt wird, und die auch eine große und unabkehrbare Fan-Gemeinde hat. Nur leider werden die Vorteile in den Schatten gestellt, wenn bekannt wird, dass der und der Terrorist Telegram benutzt hat oder auch dass Propaganda über diese App verbreitet wird. Aber Telegram ist nicht an sich schlecht, nur weil es von Menschen mit fanatischen Weltansichten Missbraucht wird. Und auch nur weil ich Telegram benutze, bin ich kein Terrorist! > Meine Gedanken sind bei den Angehörigen und Freunden der Opfer von Berlin!

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20-Jähriger Student, der auf diesem Blog aus seinem Leben berichtet.